Das Auge sieht mit
Leidensbericht eines FH-Absolventen zur Diplomurkunde


Markus Nißl

DiplomurkundeDie Schul- bzw. Studienzeit ist ja bekanntlich die schönste Zeit des Lebens. Doch auch sie geht einmal zu Ende. Für die einen oder anderen weniger erfolgreich und früher als gedacht - aber die meisten ziehen ihr Studium durch, büffeln schwer für ihren Abschluss, der einem in Form des Diplomzeugnisses und der Diplomurkunde bescheinigt wird.

Letztere ist es eigentlich auch Wert, im heimischen Arbeitszimmer o.Ä. aufgehängt zu werden, dokumentiert sie doch zum einen den erfolgreichen Abschluss des Studiums, zum anderen die Verleihung eines akademischen Grades (beispielsweise wie in meinem Fall "Diplom-Informatiker (FH)").

Ja, eigentlich ist sie es Wert, innerhalb der heimischen vier Wände eingerahmt einen Platz zu finden. Eigentlich. Würde neben dem Inhaltlichen auch das Optische mitspielen. Denn das tut es definitiv nicht - jedenfalls nicht bei den aktuell ausgehändigten Diplomurkunden der Fachhochschule Regensburg.

Ehrlich gesagt: Ich war entsetzt, als ich zum ersten Mal meine Diplomurkunde in Händen hielt - denn als solche war sie zumindest auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Nur der Schriftzug "Urkunde" ließ darauf schließen. Und da fängt ja bereits das Gesichtauseinanderziehen eines jeden ästhetisch empfindenden Menschen in einer Reihe mehrerer typographischer Fauxpas an.

"Urkunde" klebt am oberen Rand der Seite. Sollte nicht der Dokumenttyp zentrales Augenmerk einer Auszeichnung sein? ("zentral" darf hier ruhig auch (w)örtlich genommen werden!) Doch dort, wo man ihn vermutet hätte, erwartet einen nur gähnende Leere: Die komplette obere Seitenhälfte ist eine einzige, weiße Wüste, einmal abgesehen von dem Schriftzug und dem Logo der Fachhochschule Regensburg, welches rechtsbündig zu Beginn des zweiten Seitendrittels gesetzt deplatziert erscheint.

Läßt man den Blick nun tiefer sinken, so stößt man auf den so wichtigen Textteil, der, wie Eingangs bereits erwähnt, die Bedeutung der Urkunde ausmacht. Gut: Inhaltlich ist auch alles im Text enthalten, nur das Äußerliche läßt zu Wünschen übrig.

Zum einen fällt die Verwendung von Blocksatz als Absatzausrichtung in der ersten Zeile auf, was darin resultiert, dass das Wort "verleiht" umbrochen werden muß. Trennungen auf solch offiziellen Dokumenten sind nicht angebracht. Der negative Effekt wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass ein sehr weitläufiger Schnitt der Schriftart "Avant Garde" verwendet wurde. Die erste Zeile wirkt so, als fiele sie einem Tauziehen zwischen dem linken und rechten Rand zum Opfer. Das tut doch weh! Nicht nur der ersten Zeile ...

Auf den zweiten Blick erkennt man auch, dass alles in Großbuchstaben geschrieben ist. Mußte das sein? Nein, anscheinend beim Namen des Urkundenträgers nicht. Großschreibung dient traditionell der Hervorhebung einzelner Textteile, und nicht ganzer Textpassagen - dies wurde beim Namen dann offensichtlich mit Fettdruck nachgeholt.

Der verbleibende Text kann hingegen aufgrund des Wechsels zu einem normal dicken Schriftschnitt doch noch einigermaßen gefallen. Soweit zum Schriftbild.

Nachdem nun die Diplomurkunde im Detail von oben nach unten begutachtet wurde, fördert die Draufsicht mit etwas mehr Abstand die nächste Ungereimtheit zu Tage: Die Urkunde wird links von einem ca. 5 cm weißen Rand geziert - im Gegensatz zum rechten von nur knapp einem Zentimeter. Das komplette Dokument ist also rechtslastig! Dies erweckt im ersten Moment den Eindruck, der Drucker habe versehentlich das Papier falsch eingezogen oder man wäre beim Schneiden eines größeren Papierbogens abgerutscht, wodurch sich dann dieser horizontale Versatz ergäbe. Zumindest könnte man darauf hoffen.

Die Urkunde wurde löblicherweise auf ein schwereres Papier als herkömmliches 80 g/m² Kopierpapier gedruckt, obwohl es den Anschein hat, es käme aus einem nicht gesäuberten Kopiergerät. Der höchstwahrscheinlich verwendete Laserdrucker wurde wohl schon länger nicht mehr gereinigt, oder wie soll ich mir die schwarzen Brösel in der linken oberen Ecke erklären?

Ich mag hier pedantisch erscheinen und an rein Äußerlichem rumnörgeln, aber das Auge sieht nun einmal mit! Mir als Layouter der t fallen nunmal solche Feinheiten auf. Bestimmt ist die t in typographischer Hinsicht nicht perfekt. An dieser Stelle möchte ich allerdings anmerken, dass ich Informatik und nicht Design studiert habe und dass die t nach wie vor als "Hobby" von (z.T. ehemaligen) Studenten entsteht und keine bundesweite, professionell vertriebene Studentenzeitung ist.

Aber trotzdem: Es gibt eben gewisse Regeln und Konventionen, die über die Jahrhunderte entstanden und gewachsen sind und die auch bei modernem Design nichtsdestotrotz ihre Gültigkeit besitzen.

Für mich stellt sich nun die Frage, wer für diese Gestaltung (oder besser gesagt: Entstaltung) verantwortlich ist. Denn hier wurde schon in mehr als nur ein Fettnäpfchen getreten. Warum überhaupt ein Neudesign der Diplomurkunde? Die alte (also die, die noch vor einigen Jahren ausgehändigt wurde) mag zwar nicht aus der Masse von Urkunden herausstechen, aber immerhin tut sie das nicht negativ!

Wie dem auch sei: Die aktuelle Diplomurkunde ist wahrscheinlich gar nicht zum Aufhängen gedacht, sonst wäre es jemanden in der FH-Verwaltung doch aufgefallen, dass sie wahrlich keine Augenweide an Wänden ist. Auf die Noten im Diplomzeugnis mag man stolz sein, für die Diplomurkunde muß man sich leider fast schämen.

Und so werde ich meine gewiss nicht aufhängen und lege sie deshalb ad acta zu den anderen Zeugnissen. Für die Absolventen nach mir kann ich nur auf eine Neugestaltung oder die Rückkehr zur alten Diplomurkunde hoffen.


[troja 31] - 07/2004 - [Rubrik: FH-intern] [Gästebuch] [Forum] [E-Mail]