Welches Thema war im zweiten Quartal 2000 das prominenteste in der deutschen Politik? Die Green-Card-Initiative unserer Bundesregierung!
Seit der CeBIT, auf der ein hoch gestellter Arbeitnehmervertreter (Volker Jung, Chef von BITKOM und Vorstandsmitglied bei Siemens) - ganz überraschend - von 75.000 nicht besetzbaren Arbeitsstellen für hochqualifizierte Informatiker sprach und unser aller Bundeskanzler prompt die Einführung einer Green-Card zur Lösung des Problems zusagte, gab es in Deutschland kaum ein wichtigeres Thema für unsere obersten Politiker. (Dabei war diese Zahl schon im Juli 1999, bei den Gesprächen zum Bündnis für Arbeit unsinnigerweise aufgetaucht.)
Da überschlugen sich die Parteien im Versuch sich gegenseitig in puncto Arbeitgeberfreundlichkeit zu übertrumpfen. Doch halt! Gab es in Deutschland nicht so was wie ein Arbeitsamt und sogar eine zentrale Bundesanstalt für Arbeit, die man getrost als Spezialisten für dieses Thema bezeichnen könnte? Nun, die haben auch gleich reagiert. Allerdings in allererster Linie mit Erstaunen, da beispielsweise den Arbeitsämtern gerade mal um die 3.000 freie Arbeitsstellen gemeldet waren, die auf das angesprochene Gebiet zutrafen. Dafür hatte man aber weit über 30.000 Arbeitslose IT-Fachkräfte, die entweder schon qualifiziert waren oder mit sehr kurzen Nachschulungen qualifiziert wären. Weitere Arbeitslose aus den Bereichen Ingenieurwesen, die prinzipiell alle Vorraussetzungen auch für eine innerbetriebliche Ausbildung hätten, stehen zur Verfügung, sind aber genauso wenig vermittelbar.
Nun wissen ja alle Leute, dass das Internet eine ganz, ganz junge Entwicklung ist und es ist leicht nachzuvollziehen, dass in einem solchen Bereich nur ganz, ganz junge Arbeitnehmer eingestellt werden können... Ein 43-jähriger Spezialist mit fast 20 Jahren Berufserfahrung kann für eine solche Aufgabe sicherlich nicht eingestellt werden. Der ist doch schon zu alt! Zu unflexibel! Geht ja auch schon bald in Rente!
Wer aber die durchschnittliche Fluktuation von Arbeitnehmern im EDV-Sektor näher betrachtet, der weiß, dass dieser nette Herr oder diese nette Dame bis zur Rente noch locker drei bis fünf Arbeitsplätze durchlaufen könnten!
So bleiben auf der einen Seite Heerscharen arbeitsloser IT-Fachkräfte, von denen aber zirka 50 Prozent dem gewünschten Altersspektrum nicht entsprechen, auf der anderen Seite jammert die Wirtschaft, nicht genug Fachkräfte mit Berufserfahrung zu bekommen, was dann den jungen Anteil der Arbeitslosen betrifft. Das Gerücht, dass ältere Arbeitnehmer zu unflexibel seien, trifft wohl viel eher auf die Personalchefs der einstellenden Firmen zu, die keinen Überblick mehr haben, dass ein 18-Jähriger eben keine Berufserfahrung mitbringen kann und ein 40-Jähriger nicht automatisch hinter dem Mond lebt. Problematisch ist allerdings, dass der Ältere etwas mehr Geld kostet und der Jüngere erst noch Erfahrung im Job sammeln muss, was teuere Schulungen und weniger produktive Arbeitszeit in der Anfangsphase bedeutet.
Doch zurück zu den unbesetzbaren Leeeerstellen, deren Zahl in den Tagen, die auf des Kanzlers - offensichtlich ohne jede Rücksprache mit den zuständigen Gremien - dahergeplapperte Ankündigung folgten, bald auf 100.000, dann auf 110.000 anstieg. Das Ganze gipfelte in einer Erklärung unseres EU-Kommissionsprä-sidenten, dass europaweit sogar 350.000 bis 750.000 unbesetzbare Arbeitsstellen im Bereich Informatik vorhanden seien.
Man glaubt es kaum: Man lasse diese Leute einfach noch ein Weilchen vor sich hinbrabbeln und wir hätten Vollbeschäftigung, wenn doch nur jeder Arbeitslose ein junger, dynamischer 18-Jähriger wäre, natürlich mit Diplom und 12 Jahren Berufserfahrung, mit Spezialwissen in den Bereichen Windows, Unix, Novell, Datenbanken, Netzwerk, Webserver und natürlich fundierten Kenntnissen von C++, Java und Visual Basic, vorrausgesetzt, er ist auch noch bereit für ein Jahressalär von höchstens DM 50.000 zu arbeiten! (Kommt einem irgendwie so vor, wie die Aussage, ein Formel-1 Grandprix würde von mehr als 10 Milliarden Menschen im Fernsehen verfolgt, was doch vor zwei Jahren tatsächlich durch die "seriöse Presse" geisterte, ohne dass irgendjemand auf die Idee gekommen wäre, diese Zahl mit den gerade mal 6 Milliarden Einwohnern unseres Planeten gegenzuchecken.)
Jetzt könnte jemand auf die Idee kommen, dass dies doch alles etwas sarkastisch sei! Doch wer sich die Mühe macht, die verschiedenen Stellenanzeigen zu lesen und dabei bedenkt, dass die meisten Leute über 30 schon kaum mehr zu Vorstellungsgesprächen geladen werden (was von Arbeitgeberseite auch kaum bestritten wird), der weiß, dass dies höchstens Realsatire sein kann.
Da stellt sich doch auch gleich die Frage, wo denn genau diese ganzen Leerstellen sind und für welche Arbeitsgebiete sie angeboten werden. Auf eine solche Anfrage der Bundesanstalt für Arbeit an die Adresse der Arbeitgebervertretung kam nur die - schon fast unverschämte - Antwort, dass man dazu keine Stellung nehmen müsse und jeder gefälligst die Stellenanzeigen lesen soll. (Weiter unten wird sich klären, warum eine nähere Spezifikation den Herrn so in Bedrängnis gebracht hätte!)
Unglücklicherweise haben sich aber auch gleich etliche seriöse private Arbeitsvermittlungen (Die Arbeitsämter haben ja kein Monopol mehr auf Arbeitsvermittlung!) gemeldet und darauf hingewiesen, dass für wirklich gesuchte Arbeitskräfte die Firmen neben der eigenen Anzeige im Web und in den einschlägigen Medien meist mehrere Agenturen damit beauftragen, tätig zu werden. So entstehen durch eine einzelne offene Stelle schnell fünf oder mehr Stellenanzeigen.
Wer aber die Stellenanzeigen unserer großen Player (IBM, Siemens, PS, Debis, SAP, etc.) in Deutschland anschaut, der kann herausfinden, dass da nicht mal 5.000 scheinbar offene Arbeitsstellen für Deutschland zusammenkommen, von den restlichen 70.000 ist weit und breit keine Spur! (Was - wie wir weiter unten sehen werden - nicht heißt, dass der Bedarf für bestimmte Kategorien von Arbeitnehmern nicht doch vorhanden wäre, nur eben keine höchstqualifizierten Top-Leute, wie immer behauptet wird.)
Doch wie könnte man eine solche unterstellte Fehlinformation der Arbeitgeberseite denn nur erklären? Wenden wir uns deshalb der Frage zu, welcher Spezifikation die gesuchten Arbeitnehmer entsprechen sollen. Da hieß es in den unsäglichen Erklärungen auf der CeBIT: Hochqualifizierte Hightech-Spezialisten - die besten der Besten! Nur absolute Top-Leute seien in der Lage der Branche zu helfen! Diese Leute seien so hoch qualifiziert, dass durch jeden von ihnen fünf bis sieben andere Arbeitsplätze (für durchschnittliche Tätigkeiten) entstehen würden, die dann von deutschen Arbeitskräften besetzt werden können (die für die anderen Jobs einfach zu unqualifiziert sind).
Das hat sich unser Kanzler genau angehört und entsprechend den ersten Vorschlag für eine Green-Card Regelung ausarbeiten lassen.
Doch Ach - die Industrie war ganz unzufrieden mit den Randbedingungen! Da wurde gefordert, dass diese fremden Arbeitskräfte einen Hochschulabschluss nachweisen müssten und außerdem sollten sie nur für maximal zwei Jahre eine Green-Card bekommen. So ging das natürlich nicht! Die Arbeitgeber hatten sich eigentlich eher vorgestellt, dass sie sich selbst beliebige Arbeitskräfte suchen können und denen dann - nur noch der Form halber - eine ewig gültige Green-Card ausgestellt würde (am besten direkt von den Firmen, die dazu dicke Blocks mit Blanko-Green-Cards bekommen).
Somit musste natürlich hart nachverhandelt werden und die Regierung kam mit dem Vorschlag, dass man Hightech-Super-Spezialisten ja auch an einem hohen Einkommen erkennen könnte. Ein einfacher Nachweis, dass die betroffene Person ein bestimmtes minimales Jahreseinkommen überschreitet, würde einen Hochschulabschluss ersetzen. Als minimales Jahreseinkommen waren Werte zwischen 70.000 und 100.000 DM im Gespräch.
Doch Ach - die Industrie war wieder ganz unzufrieden! Ein minimales Jahreseinkommen von 70.000 DM sei einfach viel zu hoch für echte Hightech-Überflieger.
Da meldeten sich tatsächlich einmal die Gewerkschaften, die leider eher untätig die ganze Angelegenheit verfolgten, denn außer in der IG Metall, die durch Tarifverträge in einige Großfirmen wenigstens eine gewisse Zahl von Informatikern vertritt, sind Informatiker als "Kopfarbeiter" traditionell nicht gewerkschaftlich organisiert, ähnlich wie die Architekten, etc. Doch hier stank es so unglaublich penetrant danach, dass einheimische Arbeitnehmer durch ausländische Arbeitskräfte zu Dumpingpreisen bedroht werden könnten, dass einige Gewerkschafter nachfragten, ob Informatiker denn eigentlich die seien, die auf Berliner Bundesbaustellen die ganze Schwarzarbeit verrichten, oder ob Informatiker zu der Gruppe der Erntehelfer im Spargelanbau gehören. Wie müssen die armen Leute überrascht gewesen sein, dass es hier um Beschäftigte geht, die in einem der modernsten Betätigungsfelder mit Computern umgehen.
Aber die Arbeitgeber, diesmal repräsentiert vom IBM-Deutschland-Chef Staudt, hatten auch darauf nur eine unwirsche Antwort: Von Lohndumping könne hier überhaupt keine Rede sein, man sei ja schließlich an tarifliche Regelungen gebunden! Gleichzeitig ließ er verlautbaren, dass zur Lösung der Misere die Gewerkschaften gefordert seien, da man Ausnahmen in den starren Tarifverträgen einrichten müsse, die flexiblere Arbeitszeiten und geringere Entlohnung zuließen (Der Green-Card-Besitzer fragt nicht nach Gewerkschaft, bezahlten Überstunden, Betriebsrat und Arbeitsschutzbestimmungen.). Da haben sich dann sogar ein paar Aliens in Untertassen von unserem Sonnensystem abschrecken lassen, weil es dermaßen nach Bullshit stank!
Die Regierung und zwischenzeitlich auch die Opposition griffen die Idee gleich auf und sprachen davon, dass man in Deutschland die 38 Stunden-Woche für Informatiker vielleicht aufgeben sollte, da es einfach unfair sei, die Leute am längeren Arbeiten zu hindern. Außerdem könnten die vorhandenen Informatiker mit einer 70 Stunden-Woche ja glatt einige neue ersetzen, die Krise dadurch entschärft werden. Sogar über Ausnahmen bei den Arbeitsschutzbedingungen (nicht mehr als 10 Stunden pro Tag) wurden diskutiert.
Schade, dass die brabbelnden Politiker sich mal wieder nicht informiert hatten: Der durchschnittliche Informatiker in einem aufstrebenden Arbeitsfeld arbeitet heute schon häufig mehr als 60 oder 70 Stunden in der Woche, was ihnen die Gewerbeaufsichts"mter leicht hätten bestätigen können, da sie bei Firmen wie beispielsweise SAP und Co schon bald eigene Büros einrichten können - mit 24 Stunden Schichtbetrieb, um wirklich glauben zu können, dass der selbe Arbeitnehmer auch schon mal am Stück 30 Stunden arbeitet.
Dieses Wissen hätte dann sicher den einen oder anderen Oberchaoten mit fünfstelligem Monatsgehalt dazu gebracht, eine Forderung nach Freigabe der 170 Stunden-Woche für Informatiker aufzustellen (7 Tage à 24 Stunden machen zusammen 168 Stunden - aber man könnte ja noch die Nacht dazunehmen).
Auch meldeten sich die treu sorgenden Grünen zu Wort und sprachen davon, dass die lieben Ausländer sicherlich nicht zu unserer Rettung kommen würden, wenn sie nicht ihre ganze Familie mitbringen dürfen. Worauf die FDP darauf hinwies, dass diese Familienangehörigen unbedingt auch eine Arbeitserlaubnis bekommen müssten (da ein einzelner Ernährer mit einem Einkommen über 100.000 DM unmöglich eine Familie vor der Sozialhilfe retten kann). Dies würde dann zu den 20.000 Green-Cards noch bis zu 60.000 Green-Card-Durchschläge ergeben.
Das war denn doch zu viel für die Grünen, da sie doch den selben Vorschlag machen wollten und sich von der FDP nicht einfach überbieten lassen konnten. Sie brachten das Bleiberecht auf Dauer wieder ins Gespräch, damit man die Besten der Besten nicht mit zeitlichen Beschränkungen nach USA treibt.
Daraufhin wollte auch die Regierung wieder etwas beitragen und der Bundesrentenminister stellte in Aussicht, dass man die Sozialabgaben für solche Green-Card- und Green-Card-Durchschläge-Besitzer nicht in vollem Maße kassieren würde, da sie sonst zu teuer für unsere arme Industrie werden und wieder die USA alle Spitzenkräfte abschöpfen würde. Natürlich sollten alle Sozialleistungen trotzdem gezahlt, was aber kaum eine Rolle spiele, da die hoch bezahlten Arbeiter die Arbeitsstelle mit mehr als DM 100.000 im Jahr in der - zwischenzeitlich auf fünf Jahre angewachsenen - Green-Card-Periode nicht wechseln dürfen.
Doch Ach - die Industrie war gar nicht begeistert und entsetzte sich darüber, dass man eine feste Arbeitsplatzbindung ja nun wirklich nicht dulden könne. Wenn man mit solchen Mühen die Top-Leute endlich für die dringend notwendigen Projekte nach Deutschland geholt hat, muss man sie doch bitte auch jederzeit entlassen können, wenn man feststellt, dass man sie in Wirklichkeit vielleicht gar nicht braucht.
Einsatz der FDP: Selbstverständlich müssten Green-Card-Besitzer sich auch selbstständig machen dürfen, damit sie dem deutschen Arbeitsmarkt flexibel zur Verfügung stehen können. (Das würde auch gleich die Probleme mit den Gewerkschaften, den unbezahlten Überstunden, den Sozialabgaben und den Dumping-Löhnen lösen.) Dabei wurde geflissentlich übersehen, was gerade für ein Aufwand in Sachen Scheinselbstständigkeit getrieben wurde, der - wenn auch oft von den Betroffenen missverstanden - in erster Linie dem Schutz der Arbeitnehmer dienen sollte, die nicht durch Scheinselbstständigkeit ausgebeutet werden sollten.
Nachdem nun alle ihren unsäglichen Beitrag zu dieser "Die Arbeitgeber haben einen Wunsch, wo ist nur der Gesäßeingang"-Aktion geleistet hatten, stellten die Arbeitsämter fest, dass sich kaum Anwärter für diese Segnung deutscher Politik bewarben. Und, was vielleicht noch schlimmer war, es wurden auch kaum Anfragen von der Industrie registriert, wann und wie man denn die dringend benötigten Spezialisten bekommen könnte.
Das mag daran liegen, dass der eine oder andere eine Rechnung aufgemacht hat, was es ihn kostet, einen Ausländer kommen zu lassen und sich beispielsweise um Unterkunft, etc. zu kümmern. Denn wer würde schon einen Umzug mit Kosten von vielen Tausend Mark auf sich nehmen, nur um in Deutschland zu arbeiten. Dafür müssten - und das ist gar nicht sarkastisch gemeint - selbstverständlich die hiesigen Firmen aufkommen. Auch die eine oder andere Sprachbarriere im Umgang mit deutschen Kunden des Unternehmens wurde von vielen übersehen.
Nicht umsonst wurde die bislang sehr wohl schon bestehende Möglichkeit Nicht-EU-Ausländer anzustellen nur extrem spärlich genutzt. (Das zwischenstaatlich vereinbarte Kontingent solcher Arbeitskräfte beispielsweise aus Ungarn wurde in den letzten Jahren gerade mal zu 20 Prozent ausgeschöpft. Die längeren Verfahrens-Laufzeiten dieser bestehenden Möglichkeiten wären sicherlich nur einer von vielen Hemmschuhen, wenn denn der Bedarf wirklich so groß ist!)
So kühlte sich das Thema endlich langsam etwas ab und man einigte sich auf einen eher restriktiven Entwurf, mit dem erst mal 10.000 Green-Cards vergeben werden sollen. Diese haben eine Laufzeit von maximal fünf Jahren. Wenn dieses Kontingent aufgebraucht ist, dann soll durch ein Auditing festgestellt werden, ob überhaupt weiterer Bedarf vorhanden ist. (Warum hat man dieses Auditing denn nicht jetzt durchgeführt, um den Bedarf qualitativ und quantitativ abzuschätzen und mit dem Angebot auf dem deutschen Arbeitslosenmarkt zu korrelieren? Oder versteht unsere Bundesregierung unter Auditing nur das an den Tag gelegte Abfragen der unverifizierten Arbeitgeberfantasien?) Wenn noch immer Notstand herrscht, können weitere 10.000 Green-Cards folgen.
Bedingung für die Erteilung einer solchen Arbeitserlaubnis soll ein Hochschul- oder Fachhochschulabschluss einschließlich Bachelor und Master sein, der aber durch den Nachweis einer Vereinbarung mit dem Arbeitgeber über ein Jahresgehalt von mindestens 100.000 DM ersetzt werden kann. Dann dürfen solche ausländische "IT-Spitzenkräfte" eine Arbeitsstelle in Deutschland annehmen, wenn die Arbeits- und Gehaltsbedingungen denen von inländischen Arbeitnehmern entsprechen. Der aktuelle Entwurf sieht auch nur das Mitbringen des Ehepartners und der minderjährigen Kinder vor und die zusätzliche Arbeitserlaubnis soll jetzt auch nur noch für den Ehepartner, nach einer Wartefrist von zwei Jahren, erteilt werden.
Man hätte sich ja auch gleich mal in den USA informieren können, die mit so was schon einige Erfahrung haben. Doch die mussten ja nur für absolut uninformierte Vergleiche und sinnlose Konkurrenzängste herhalten. So ist den meisten nicht bewusst, dass die typische "Green-Card", wie sie auch, aber nicht nur, im Bereich der Informatik Usus ist, eine zeitlich begrenzte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ist (H1-B-Visum). Die Firmen müssen dazu den Behörden nachweisen, dass der Arbeitsplatz nicht mit einem Amerikaner besetzt werden kann, dass der infrage kommende Ausländer die notwendige Qualifikation besitzt (die aus ersterem Grund recht hoch angesiedelt werden muss, da sonst schnell ein Amerikaner infrage kommt) und dass ein Jahresgehalt gezahlt wird, das dem Durchschnitt für solche Tätigkeiten entspricht.
Wenn während dieser begrenzten Arbeitserlaubnis ein Antrag auf Erteilung einer "echten" Green-Card gestellt wird, darf der Kandidat während der gesamten Zeit diesen einen Arbeitsplatz, für den die Genehmigung erteilt wird, nicht wechseln. Die Erlaubnis verfällt sofort, wenn bei den regelmäßigen Kontrollen ein Verstoß festgestellt wird. Das geht so weit, dass nicht mal innerhalb des Unternehmens der Arbeitsplatz gewechselt werden darf! Was aber einleuchtend ist, da die Firma ja anfänglich den Antrag damit begründet hat, dass ein dringender Bedarf für diese eine Aufgabe besteht, für die sonst niemand zu finden war. Wenn dieser Bedarf nicht mehr vorhanden ist, ist damit auch die Grundlage für die Arbeitserlaubnis verwirkt.
Die eigentliche Green-Card, die durch einige Hollywood-Streifen ihre Berühmtheit erlangte, kann dahingegen nur in einem langwierigen Verfahren, das locker fünf Jahre und mehr in Anspruch nimmt, erteilt werden. Wahr ist allerdings, dass derjenige, der eine vorrübergehende Arbeitserlaubnis erhalten hat und der darüber hinaus nachweislich von der Firma gebraucht wird, eine höhere Chance hat, eine echte Green-Card zu bekommen, wenngleich es deshalb nicht schneller geht. Diese erlaubt dann allerdings auch einen weitestgehend unbeschränkten Aufenthalt in den USA, sowohl in Hinsicht auf die Dauer, als auch auf irgendwelche Beschränkungen zur Arbeitsstelle oder Ähnlichem, da sie die Vorstufe zur Einbürgerung ist.
Nach all diesen Informationen soll an dieser Stelle endlich einmal etwas zum Thema Ausländerfeindlichkeit, Inderverteufelung und Ähnlichem bemerkt werden. Zu keinem Zeitpunkt geht es in diesem Artikel darum die menschliche Qualität von inländischen Arbeitskräften über diejenigen irgend einer anderen Nation zu stellen. Das wird zwar in dieser Diskussion immer wieder ins Spiel gebracht, ist aber gerade mit Blick auf das Hauptbedarfsgebiet für diese Leute - Tätigkeiten im Zusammenhang mit dem globalen Internet - völlig unsinnig.
Wer bis heute nicht kapiert hat, dass wir auf einem Planeten leben, ein und die selbe Atmosphäre atmen, die selbe Biosphäre verschmutzen und nur ein globales Miteinander unsere Zukunft sichern kann, der wird es wohl nicht mehr kapieren. Dennoch werden - glücklicherweise - Unterschiede bleiben, denn durch sie entsteht die Vielfalt, die erst die wirklich großen Ergebnisse möglich macht. Und es wird für eine gewisse Zeit Unterschiede in den Systemen geben, die in den verschiedenen Staaten für die verschiedensten Anforderungen der Bevölkerung eingesetzt werden. Deshalb macht es auch nur wenig Sinn, auf der einen Seite viele Arbeitslose staatlich durchzufüttern und auf der anderen Seite Personen ins Land zu holen, die aus einem Gebiet kommen, für das solcherlei Sozialhilfen nicht gelten (was auf die Mehrzahl der Nicht-EU-Staaten zutrifft).
Bleibt also festzuhalten: Ausländer jedweder Nationen sind willkommen. Aber solange geeignete einheimische Arbeitslose für die offenen Stellen vorhanden sind, sollten sie zumindest berücksichtigt werden und nicht durch falsch verstandene Versuche, sich antiausländerfeindlich darzustellen, gegenüber Anderen benachteiligt werden. In den USA wird nur für den Fall, dass eine Besetzung der Arbeitsstelle mit einem einheimischen Arbeiter wirklich nicht möglich ist, die Anwerbung von Ausländern erlaubt. Wenn es so gehandhabt wird, ist dies wohl als fair zu bezeichnen, da ja auch die infrage kommenden Staaten ihrerseits nicht einfach jeden fremden Arbeiter ins Land lassen.
Völlig unberührt davon muss allerdings die Frage des Asyls sein! Es gibt keine vorstellbare Aufrechnungsmöglichkeit Hilfe suchender Verfolgter mit dringend benötigten Arbeitskräften. Ob eine arbeitsplatzunabhängige Einwanderungsmöglichkeit geschaffen werden sollte oder nicht, ist hier nicht das Thema.
Mit voller Absicht wurden bisher keine bestimmten Staatsangehörigen benannt, auch wenn sich in der Diskussion leider "der Inder" als Synonym für alle infrage kommenden Menschen durchgesetzt hat. Das mag daran liegen, dass unzweifelhaft in Indien eine große Zahl echter Informatikspezialisten zu finden ist und viele große Firmen deshalb indische Tochterfirmen oder Niederlassungen gegründet haben, um Aufträge im Bereich Informatik dort oder durch entsprechende indische Auftragsnehmer abwickeln zu können. Es mag auch damit zusammenhängen, dass Indien - von vielen unbemerkt - die Milliarde in der Bevölkerungszahl überschritten hat und somit allein vom schieren Mengenpotenzial her mehr Informatiker ausbildet als die 82 Millionen Deutschen.
Wie aber Ashoke Dutta, der Direktor der ältesten privaten Eliteuniversität Indiens "Indian Institute of Social Welfare and Business Management" in einem Interview in der c't mitteilte, liegt es auch an den anderen Ausbildungsstrukturen, dass Indien so viel Informatikspezialisten hervorbringt. So gibt es nur eine sehr begrenzte Zahl von staatlichen Abschlussmöglichkeiten (von denen wiederum nicht alle einem Informatiker an deutscher Hochschule oder Fachhochschule gleichsetzbar sind).
Ein Großteil der Spezialisten kommt aus privaten Instituten, die nicht von offiziellen Stellen begutachtet oder geprüft werden. Wie er erklärte, regele das der Markt ganz von allein: Wenn eine dieser Ausbildungsstätten schlecht ausbilde, so würde sich das schon nach einem oder zwei Jahren rumsprechen, wenn die Auszubildenden nicht im Arbeitsmarkt übernommen würden. Und wenn jeder Abgänger einer solchen Institution sofort einen Arbeitsplatz erhält, so sei das ja Qualitätssiegel genug. Man hätte in Indien erkannt, dass eine Reglementierung die Entwicklung nur behindern würde und auf diese Weise genau die Leute ausgebildet würden, die der Arbeitsmarkt braucht.
Doch genau an dieser Stelle liegt auch ein großes Problem dieser Ausbildungsmentalität. Sicherlich können an Privatinstituten mit Lehrplänen von wenigen Monaten bis zu einem oder zwei Jahren sehr schnell viele hochspezialisierte Arbeitskräfte ausgebildet werden. Aber man muss schon sehr genau hinhören: Hochspezialisiert ist eben nicht gleich hochqualifiziert! Bitte nicht als irgendeinen Versuch missverstehen diese Leute irgendwie abzukanzeln! Nur muss man unterscheiden zwischen dem deutschen Anspruch der mehr oder minder breit angelegten Ausbildung und dem Anspruch dieser Institute, für genau umrissene Arbeiten echte Spezialisten auszubilden.
Das war beispielsweise noch bis vor einem halben Jahr sehr gut zu beobachten. Der Millenium-Bug brachte unter anderem das Problem mit sich, dass gigantische Programme in COBOL auf ihre Jahr-2000 Fähigkeit hin untersucht werden mussten und entsprechend anzupassen waren. Doch es gab einfach nicht genug Personal, das mit dieser für Neuprojekte weitestgehend toten Programmiersprache gut genug umgehen konnte. In den USA wurde deshalb mit einem unvergleichlichen Aufwand in der theoretischen Informatik an Lösungen gearbeitet, die diese Aufgabe automatisch durchführen könnten.
Da diese Entwicklungen aber zu lange dauerten und anfänglich auch nur sehr rudimentär funktionierten, entschlossen sich viele betroffene Firmen doch den Weg der rohen Gewalt zu gehen und schlecht dokumentierte Softwaremonster mit mehreren Millionen Zeilen Sourcecode "per Hand" umzustellen. Das dafür notwendige Personal mit Cobol-Kenntnissen produzierte dabei Justin-Time die indische Ausbildungsmaschine. Das war eine schier unglaubliche Leistung und die Spezialisten haben, wie wir alle an den ausgebliebenen Katastrophen ablesen konnten, ganz vorzügliche Arbeit geleistet (wenngleich unser Beispiel der Cobol-Programme sicher nur einen kleinen, aber sehr wirkungsreichen Teil des Millenium-Problems darstellte).
Doch niemand fragt nach, wo diese Scharen von Cobol-Programmierern gelandet sind, nachdem die Arbeit erledigt war. Sie sind entweder wieder genauso schnell arbeitslos geworden oder befinden sich im nächsten Privatinstitut, um beispielsweise auf Java umgeschult zu werden...
Auch in Deutschland gab es vor vielen Jahren diese hochspezialisierten Arbeitskräfte in der Informatik. Speziell in der Betreuung der alten Großrechner in der Zeit vor dem PC (Ja, der Autor hat damals schon mit der Programmierung von Olivetti Programma 101 Rechnern mit Magnetkarten und Kassenstreifen-Druckwerk als "Anzeige" Bekanntschaft gemacht.) waren es keine Diplomierten, die diese Ungetüme am Laufen hielten. Allerdings waren viele von ihnen so sehr auf eine Maschine, eine Architektur, etc. spezialisiert, dass sie bei einem Umstieg auf ein anderes Fabrikat schon solche Probleme bekamen, dass sie von den Arbeitgebern lieber durch neue "Spezialisten" ersetzt wurden, die sich mit der neuen Hardware auskannten.
Ob das nun ein erstrebenswertes Ziel ist oder nur ein notwendiges Übel, wird sicherlich nicht in diesem Artikel geklärt werden.
Es zeigt uns jedoch, dass vielleicht gar nicht zu wenige hochqualifizierte Arbeiter in Deutschland fehlen, wenn man mit hochqualifiziert diejenigen mit einer möglichst umfassenden Ausbildung bezeichnen mag. Davon gibt es durchaus einige, die aber in erster Linie als Systemanalytiker (Nein, nicht die Systemanalytiker der Großrechnerzeit, die das Rechnersystem auf Bugs hin analysierten, sondern Generalisten, die komplexe Systeme in Industrie und Wirtschaft auf ihre Strukturen und die Abbildung dieser Strukturen in der Informatik hin untersuchen!), Projektleiter, oder Entwicklungsleiter - durchaus auf unterschiedlichen Ebenen - angefordert werden.
Solche Arbeitsstellen gibt es naturgemäß nur relativ wenige und auf denen sitzen Leute im besten Arbeitsalter, da die Informatik in der heutigen Form ja nicht etwa aufs Mittelalter zurückgeht, sondern gerade mal 30 Jahre so richtig aktiv ist. Dagegen wurden schon immer viele Leute gebraucht, die sehr spezielle Aufgaben übernehmen und die deshalb nach ihrem Studium eher frustriert endlose Statistikauswertungen in Versicherungen entwarfen und programmierten oder den nicht unwichtigen Job als Systemadministrator in größeren Firmen im Schichtdienst abgaben, der ihr breites Fachwissen auch nicht forderte.
Mittlerweile gibt es eine Unzahl neuer Jobs für die eher "Spezialisten" als Generalisten gesucht werden. So benötigt die Wirtschaft sicherlich noch für ein paar Jahre große Mengen an SAP-Spezialisten, bis auch im Mittelstand ein Sättigungsgrad erreicht wird, der kaum mehr Neuinstallationen nötig macht. Dann werden zwar noch immer eine Menge Betreuer für diese komplexen Systeme gebraucht, aber da sitzen ja auch schon Unmengen junger, viel versprechender Spezialisten, die hoffnungsvoll und ängstlich auf das nächste Release warten, da sie für dessen Einführung wieder richtig gefordert werden, dessen neue Features zur leichteren Wartung sie aber irgendwann arbeitslos machen werden. Und wer will dann schon einen 40-Jährigen Informatiker, der in seinem Lebenslauf nur "SAP-Spezialist" stehen hat...
So geht es schon heute vielen "AS400"-, "VMS"- und anderen Spezialisten. Sie gehören beispielsweise zu den über 100.000 Arbeitnehmern, die das weltweit größte Unternehmen der Branche allein in den Jahren um 1996 entlassen hat. Nein, das ist natürlich ganz falsch. Diese Leute wurden natürlich nicht entlassen. Sie wurden entweder in Tochterfirmen ausgegliedert, die beispielsweise von einem Tag auf den anderen Europas größtes Service-Unternehmen darstellten, nur um in den folgenden Jahren rabiat Personal abzubauen. Oder man bot einem dynamischen 44-Jährigen eine Summe Geld, die er sich kaum auf einem Haufen vorstellen konnte, damit er selbst den Arbeitsplatz räumt. Wer erinnert sich noch an die neunstelligen Rückstellungen der Firma mit den drei Buchstaben, die damals "zu Absicherung der Umstrukturierung" in den Bilanzen auftauchten?
Aktuell werden aber auch viele Leute gesucht, die all die aus dem marketinggedüngten Boden des Internets sprießenden Websites gestalten, aufbauen und verwalten. Unmengen an CGI-Skripten und Java-Applets wollen programmiert werden und natürlich müssen die immer schneller wachsenden Datenbanken im Hintergrund von Datenbank-Sysops betreut werden.
All das wird in den doch eher theoretischen Ausbildungen an Universitäten und Fachhochschulen großzügig übersprungen. Da werden normalisierte Datenbankrelationen untersucht, die zweifellos bei korrekter Anwendung Unsummen an Hardwarekosten und viele sinnlose Performanzeinbrüche vermeiden könnten, wenn, ja wenn da nicht die vielen real existierenden, schlecht designten Systeme wären, die aus den verschiedensten Gründen jetzt nur noch gewartet werden dürfen und deren verkorkste Strukturen für die nächste Dekade fest in Stein gemeißelt sind.
Das soll an dieser Stelle mitnichten heißen, dass die Lehrinhalte an öffentlichen deutschen Hochschulen nicht voll und ganz ihre Berechtigung haben. In vielen Fällen kann dieses umfassende theoretische Wissen Lösungen hervorbringen, die um ein Vielfaches eleganter und effizienter sind als alles, was durch - auf ein Gebiet - hochspezialisierte Leute produziert werden kann. Viele der heute selbstverständlich gewordenen Fortschritte in der Informatik sind in den Köpfen solcher Generalisten entstanden, die über den eigenen Tellerrand hinausblicken können und auch bei mehr als drei Komponenten des Gesamtsystems nicht gleich die Übersicht verlieren.
Nur sollte man versuchen bei der Ausbildung nicht zu vergessen, dass solche Datenbanken auch installiert, eingerichtet und betreut werden müssen. Man sollte bedenken, dass das IP-Protokoll wichtig, aber das Verständnis für real existierende Netzwerkstrukturen ebenfalls notwendig ist. Auch Algorithmen zur Lagerstandsoptimierung haben ihren Stellenwert, aber sie nutzen nichts, wenn die Betreuung der eingesetzten Software umfangreiches Administrationswissen voraussetzt, das nicht zur Lehre gehört.
Sicherlich sind jetzt die ersten Leser (Nur für den Fall das es noch welche gibt, die bis jetzt weder das Interesse verloren haben, noch dem Schlaf anheim gefallen sind.) schon dabei festzustellen, dass unsere "überfrachteten" Lehrpläne kein weiteres Aufblähen zulassen, weil die Studenten sonst direkt vom Studium in die Rente wechseln können. Und da ist viel Wahres dran.
Aber es stellt sich natürlich die Frage, wie dann das Problem zu lösen ist. Dazu ist es wohl notwendig, dass man differenziert, welche Aufgaben welche Ausbildungswege erfordern und dass man nicht einfach alle Informatiker der Welt in einen Topf wirft. Es gibt sicherlich weiterhin einen ausreichenden Bedarf für unsere hiesigen (oder ausländischen) Generalisten, die aber sicher nicht in einem Schnellstudium von ein paar Monaten produziert werden können. Es gibt aber auch einen extrem großen Bedarf an Spezialisten, die für ganz bestimmte Aufgaben eingesetzt werden und auch eine niedrigere Gehaltsstruktur haben.
Genau darauf läuft nämlich das Gezeter der Wirtschaft raus. Sie brauchen jetzt schnell viele solcher Spezialisten und sind nicht bereit für den fünften Sysop im Team, den 20ten Programmierer und den xten Webdesigner ein Gehalt zu zahlen, wie es sich für die verschiedenen Diplomabgänger entwickelt hat. Wozu sollten sie auch einen Architekten zum Mauern von Wänden einstellen. Genau da liegt das eigentliche Problem (neben dem verständlichen aber deshalb nicht minder verwerfenswerten Ansinnen, die Löhne in dieser Boombranche ganz allgemein zu drücken): Wir brauchen eine Vielzahl von verschiedenen Informatikern.
Neben den Architekten und Bauleitern, die entwerfen, koordinieren und überwachen, werden Poliere und einfache Maurer, Zimmerleute, Fensterbauer, Spengler, etc. auf dem Bau gebraucht. Nur die Informatik hat lange Zeit geglaubt, man könne jeden Job mit einem Diplom-Informatiker besetzen.
Jetzt werden Stimmen aus allen Richtungen laut, die Regierung hätte es versäumt, mehr Informatikstudiumsplätze zur Verfügung zu stellen, hätte versäumt den enormen Bedarf an Spezialisten vorherzusehen und entsprechende Ausbildungswege anzubieten. Sicherlich steht es um die Situation an unseren Universitäten und Fachhochschulen schlecht und die Kapazitäten sind weit über das gesunde Maß überbelegt, wenn man sich die Budgets betrachtet. Hier gibt es zweifelsfrei viel zu tun! Was von der jetzigen Regierung angekündigt wird, ist wohl eher ein Witz denn ein Eingeständnis, dass hervorragende Ausbildung Geld kostet. (Da sollen in fünf Jahren insgesamt 100 Millionen zur Verfügung gestellt werden, die an die "Gewinner" eines Wettbewerbs zur Verbesserung von Effizienz, Niveau und Betreuung der Informatikausbildung verteilt werden.)
Der eigentliche Kern des aktuellen Green-Card-Problems sind aber nicht die Architekten und Bauleiter. Es sind die Poliere, die Arbeiter der verschiedensten Richtungen. Und die werden nun mal traditionell nicht durch den Staat ausgebildet, sondern von den Betrieben selbst. Es sind die typischen Berufe, die auf einer innerbetrieblichen Ausbildung fußen. Was wir - neben verbesserten Bedingungen an Universitäten und Fachhochschulen - brauchen, ist der Informatik-Lehrling, der Informatik-Azubi, etc. Doch genau die hat die Industrie die ganze Zeit nicht oder in viel zu geringem Maße zur innerbetrieblichen Ausbildung aufgenommen.
Wie schön war doch die Zeit, in der man für jede Baustelle nur fertig studierte Ingenieure einsetzen konnte. Wie schön war die Zeit, als man es sich noch leisten konnte einen Architekten fürs Mauern zu bezahlen. Doch der Vorwurf der Industrie, es sei viel zu wenig viel zu spät getan worden, fällt in Wirklichkeit voll auf sie selbst zurück. Die Firmen hätten den Bedarf voraussehen müssen, nicht die Politik. Die Firmen hätten über Ausbildungsprogramme den Nachwuchs schulen müssen, nicht der Staat. Der hätte sicherlich mehr tun können und auch sollen, ist aber zweifellos nicht der Erstverantwortliche. Sonst werden sich demnächst IBM und Co noch beim Staat beschweren, wenn sie mal wieder ein neues Betriebssystem oder Ähnliches in den Sand gesetzt haben. (Man hätte das ja voraussehen können und warnen, dass hier Arbeitsplätze gefährdet sind!)
Maßnahmen wie die Green-Card sind jetzt nur verzweifelte Notlösungen, um ein von den Firmen selbst generiertes Defizit auszugleichen. Sicher können neue Ausbildungswege wie der Fachinformatiker oder andere berufsfachschulische Modelle dazu beitragen, das Defizit in den nächsten Jahren zu mildern. Doch sie können keinen Ersatz bieten für eine forcierte innerbetriebliche Ausbildung. Bis dahin müssen deshalb wohl doch für kurze Zeit einige ausländische Arbeitskräfte "importiert" werden.
Aber es sollte ebenso dafür gesorgt werden, dass für jeden dieser Green-Card-Inhaber mehrere Lehrstellen geschaffen werden und mindestens ein arbeitsloser Informatiker oder sonst wie geeigneter Ingenieur, etc. so im Betrieb fortgebildet wird, dass er wieder sinnvoll in diese neue Jobmaschine integriert werden kann. Und zur Strafe für ihr eigenes Versäumnis muss die Industrie sich wohl damit abfinden, dass sie diese Leute fast wie Architekten bezahlen muss, auch wenn diese nur Mauern hochziehen.
Ein anderer Wandel muss sich aber begleitend vollziehen: Es muss endlich aufhören, dass ein diplomierter Informatiker in den Augen Vieler aus menschlicher Sicht "mehr Wert" ist als ein guter Autodidakt oder ein Fachinformatiker. Es hat viele Jahre gedauert, bis das Verhältnis zwischen Uni- und FH-Informatikern sich so weit normalisiert hatte, dass sie in einer Abteilung miteinander arbeiten konnten, von ihren jeweiligen Eigenschaften gegenseitig profitierten und die Leistungen beider Seiten anerkannten.
Das muss sehr viel schneller auch mit den neuen Berufsbildern gehen. Es wird zwar immer Unterschiede in der Bezahlung und dem Ansehen zwischen einem Architekten und einem Maurer geben, doch die Einsicht, dass noch kein Architekten-Traum nur von Architekten verwirklicht wurde und die wenigsten größeren Gebäude existieren würden, wenn sie nur von einer Gruppe Maurern entworfen und errichtet worden wären, muss sich durchsetzen. Jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe. Nur das Miteinander kann große Ergebnisse hervorbringen.
Wer bis hier hin durchgehalten hat, dem sei vom Autor vielfach für seine bewundernswerte Ausdauer gedankt, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass wir eine ganze Anzahl sehr viel kürzere, aber sicherlich nicht minder bedeutender Stellungnahmen eingeholt haben, die auf den folgenden Seiten ebenfalls beachtet werden sollten, da sie ein weites Spektrum der Meinungen wiedergeben, die bei diesem heiklen Thema alle ihre Bedeutung und Auswirkung auf die weitere Entwicklung haben werden. Ein Auszug aus den Ergebnissen des Spitzengesprächs zum Bündnis für Arbeit ist in einem separaten Kasten abgedruckt.
Quellen:
Neben unzähligen Gesprächen (auch auf der CeBIT), vielen verstreut aufgefangenen Informationen, einer Vielzahl von Beiträge in den verschiedensten Publikationen, dem Internet, dem Fernsehen und vielen Agenturmeldungen (z.B. dpa) über die Äußerungen der verschiedenen Personen und Gruppen, sind insbesondere folgende Texte herangezogen worden, um eine möglichst fundierte Analyse und eine umfassende Betrachtung des Themas zu ermöglichen: