Die neue deutsche Rechtschreibung

Informationen zur Vereinfachung der Rechtschreibregeln


Jürgen Reischer

Die heute geltende Rechtschreibung geht auf Beschlüsse aus dem Jahr 1901 zurück, die ihrerseits auf dem von Konrad Duden 1880 erstellten "Vollständigen Orthographischen Wörterbuch der deutschen Sprache" basiert.

Nach über 90 Jahren wurde nun endlich ein Minimalkonsens gefunden, der die seitdem bestehenden Unzulänglichkeiten zumindest zu einem Teil beseitigt. Die Vereinfachungen sollen vor allem auch die Überbewertung der Rechtschreibung in Schule und Beruf abbauen helfen, die nicht zuletzt zur Auffassung führte, richtig schreiben zu können sei mit höherer Intelligenz gleichzusetzen. Fehler in der Rechtschreibung bedeuten nicht Unbildung, sondern mangelhafte Systematizität des Regelwerks.

Da Studierende ständig mit selbsterstellten Texten arbeiten müssen, sollen hier die wesentlichen Änderungen angeführt werden, wie sie die Orthographiekonferenz vom November 1994 beschlossen hat (aktualisiert und leicht modifiziert vom Juli 1996). Hierbei werden fünf Bereiche unterschieden:

1. Laute und Buchstaben

Die s-Schreibung:

ß wird in Zukunft nur noch nach langem Vokal und nach Doppellaut stehen. Weiterhin gilt: das Maß - des Maßes; außen (Doppellaut au); gießen - er gießt (Doppellaut ie). Nach kurzem Vokal steht nur noch ss: der Fluss - die Flüsse; es passt - passend; wäss[e]rig; dass; muss[t].

Zusammentreffen dreier gleicher Buchstaben:

Zukünftig bleiben alle drei Buchstaben erhalten, auch wenn ein Vokal folgt. Es heißt also: Schifffracht - Schifffahrt. Dies gilt auch, wenn drei Vokale zusammentreffen: Seeelefant.

Man beachte die neue s-Schreibung: Es heißt jetzt Flussstrecke - Flusssenke

Verdoppelung von Konsonanten nach kurzem Vokal:

In Einzelfällen werden Konsonanten in Anlehnung an Wörter derselben Wortfamilie jetzt doppelt geschrieben: Ass - Asse; nummerieren - Nummer; platzieren - Platz.

Sonstige Einzelfälle:

Die Schreibung einiger weniger Wörter wird den allgemeinen Regularitäten der Laut-Buchstaben-Zuordnung angepasst: rau (vorher rauh [wie blau - schlau]) - Rauheit; Känguru (wie Kakadu, Gnu); selbst[st]ändig; Albtraum (oder Alptraum).

Fremdwörter:

Bei Wörtern mit phon, phot, graph kann ph durch f ersetzt werden: Foto; Grafik; Mikrofon. Ebenfalls erlaubt: Asfalt - Delfin. Weiterhin kann rh, th, gh durch r, t, g ersetzt werden: Tunfisch; Jogurt. Die französische Endung [é]e wird zu ee: Frottee; Dragee; Varietee. Die Endungen tial und tiell können nun auch als zial bzw. ziell geschrieben werden: Potenzial - potenziell; Substanz - substanziell.

2. Groß- und Kleinschreibung

Großschreibung am Satzanfang:

Folgt auf einen Doppelpunkt ein neuer, ganzer Satz (mit finitem Verb), wird immer groß fortgefahren. Dies gilt auch, wenn eine indirekte Rede folgt (Sie sagt: "Das ist ...").

Höflichkeitsgroßschreibung:

Die Großschreibung von Pronomen der 2. Person (du, dich, dein, euch) in Briefen und briefähnlichen Texten wird zugunsten der Kleinschreibung geändert: Eine besondere "Ehrerbietung" ist bei Personen, die geduzt werden, gar nicht notwendig. Dagegen bleibt die Großschreibung der höflichen Anrede bei nicht geduzten Personen erhalten: Sie, Ihnen, Ihren.

Feste Begriffe aus Adjektiv und Substantiv:

Hier wird zukünftig grundsätzlich die Kleinschreibung bevorzugt: der erste Spatenstich - die erste Hilfe; die schwarze Liste - das schwarze Brett. Großschreibung gilt nur noch in vier Bereichen, in denen bisher schon durchgängig Großschreibung galt: Titel wie Königliche Hoheit, biologische Bezeichnungen wie Roter Milan, besondere Tage wie Heiliger Abend und historische Ereignisse wie der Deutsch-Französische Krieg.

Adjektive als Ableitungen von Personennamen:

Bisher hieß es das Ohmsche Gesetz, aber der ohmsche Widerstand. Künftig gilt die einfache Regel: Die adjektivischen Ableitungen auf -isch und -sch werden grundsätzlich klein geschrieben. Nur wenn der Eigenname zur Hervorhebung durch den Apostroph abgetrennt wird, wird groß geschrieben, also: das ohmsche Gesetz, der ohmsche Widerstand oder das Ohm'sche Gesetz und der Ohm'sche Widerstand.

Substantive in festen Verbindungen:

Hier gilt der Grundsatz: bei Getrenntschreibung groß. Also: in Bezug auf - mit Bezug auf; zu Gunsten - zugunsten (nicht: zu gunsten); Auto/Rad fahren; Schlange/Kopf stehen; Eis laufen; in Frage stellen - infrage stellen; außer Acht lassen - in Acht nehmen; Angst haben/machen.

Tageszeiten nach Adverbien:

Nach [vor]gestern, heute, [über]morgen werden Tageszeiten groß geschrieben: heute Morgen, gestern Abend.

Besondere Adjektive:

Kleinschreibung gilt nur noch für vier häufig gebrauchte Wörter vor: viel, wenig, ein, ander (in allen Flexionsformen). Beispiele: Sie sah vieles. Er hat wenig. Die einen bleiben, die anderen gehen. Sie hat anderes zu tun. Wenn hervorgehoben werden soll, daß es sich nicht um ein unbestimmtes Zahlwort handelt, kann auch groß geschrieben werden: Sie strebte etwas ganz Anderes (Andersartiges) an.

Bei Adjektiven mit demonstrativer Bedeutung wird nur noch groß geschrieben: Sie sagte das Gleiche. Er hat Derartiges noch nicht erlebt. Merke dir das Folgende: ... Auch substantivierte Adjektive werden nur noch groß geschrieben: Sie fuhr als Erste/Letzte durchs Ziel. Das betrifft auch feste Wendungen: das Weite suchen; zum Guten wenden; zum Besten geben; im Dunkeln tappen. Weiterhin: im Freien; im Verborgenen; um ein Beträchtliches; im Wesentlichen; nicht im Entferntesten.

Farb- und Sprachbezeichnungen im Zusammenhang mit Präpositionen:

Sie unterliegen jetzt durchgängig der Großschreibung: Die Ampel schaltet auf Rot. Das Gerät wird in Grau oder [in] Schwarz geliefert. Man verständigt sich am besten auf Englisch.

Paarformeln zur Bezeichnung von Personen:

Auch sie werden jetzt groß geschrieben: Jung und Alt, Arm und Reich, Gleich und Gleich.

Anpassung von Einzelfällen:

Sie wurden der allgemeinen Systematik angepaßt: rechtens sein; im Nachhinein/Voraus.

3. Getrennt- und Zusammenschreibung, Schreibung mit Bindestrich

Als Grundsatz gilt: Getrenntschreibung ist der Normalfall: in die Irre führen; viele (mehr[ere]/am meisten) Jahre alt (älter). Als Kriterien für Zusammenschreibung müssen formal-grammatische Eigenschaften gewählt werden, die anhand von Proben überprüfbar sein müssen (z. B. fehlende Erweiterbarkeit/Steigerbarkeit): bloßstellen (nicht möglich: blößerstellen); hochrechnen; wahrsagen (wie bisher). Für Verbindungen aus Verb (im Infinitiv) und Verb können keine solchen Kriterien angegeben werden, deshalb ist Getrenntschreibung verpflichtend: kennen lernen; spazieren gehen; bestehen bleiben; sitzen bleiben.

Soll trotz Fehlens eindeutiger Kriterien dennoch zusammengeschrieben werden, müssen die einschlägigen Fälle in geschlossenen Listen aufgeführt werden. Dies ist notwendig, um wie bisher Verbindungen aus Adverb und Verb zusammenschreiben zu können, also beispielsweise: ab, auf, aus, heraus, voraus (Liste unvollständig) in Wörtern wie absuchen, aufstellen, herauskommen, voraussehen. Nicht in der Liste vorkommende Adverbien werden getrennt geschrieben: abhanden kommen; auseinander bringen; überhand nehmen.

Getrenntschreibung gilt auch für Kombinationen aus Substantiv und Verb, wobei Zusammenschreibung nur in einigen wenigen Ausnahmefällen vorgesehen ist: haushalten; heimgehen (heim+Verb); irreführen (irre+Verb); preisgeben; standhalten; stattgeben (statt+Verb); teilhaben (teil+Verb). Sonst wird wie bisher getrennt geschrieben: Schlange stehen; Maschine schreiben; Klavier spielen; Ski laufen; Kopf stehen; Maß halten; Not tun; Eis laufen.

Weiterhin zwei Möglichkeiten gibt es bei Präpositionalgefügen: an Stelle von - anstelle von; auf Grund von - aufgrund von; außer Stande sein - außerstande sein; in Frage stellen - infrage stellen.

Schreibung mit Bindestrich:

Bei Wortzusammensetzungen mit in Ziffern geschriebenen Zahlzeichen wird jetzt ein Bindestrich eingefügt: 100-prozentig; die 25-jährige; der 27-Tonner; 200-seitig. Suffixe (Nachsilben) werden weiterhin ohne Bindestrich geschrieben: der 68er, ein 80486er.

4. Zeichensetzung

Das Komma bei "und":

Grundsätzlich wird vor und/oder weiterhin kein Komma gesetzt; dies gilt jetzt auch, wenn zwei eigenständige Hauptsätze miteinander verbunden werden. Jedoch ist es erlaubt, dann ein Komma zu setzen, wenn dadurch die Lesbarkeit des Satzes erhöht wird: Hanna liest ein Buch[,] und Robert löst ein Kreuzworträtsel.

Infinitiv- und Partizipgruppen:

Bei Infinitivgruppen muss jetzt grundsätzlich kein Komma mehr gesetzt werden: Sie hatte geplant ins Kino zu gehen. Ein Komma kann weiterhin gesetzt werden, um die Gliederung des Satzes deutlich zu machen: Sie bot mir[,] ohne einen Augenblick zu zögern[,] ihre Hilfe an.

Bei zweideutigen Ausdrücken ist es sinnvoll, mithilfe eines Kommas zu gliedern: Ich rate, ihm zu helfen. versus Ich rate ihm, zu helfen.

Partizipgruppen sind entsprechend geregelt. Künftig kann ohne Komma geschrieben werden: Vor Anstrengung keuchend kam er die Treppe herauf. bzw. Er kam[,] vor Anstrengung keuchend[,] die Treppe herauf. Gesetzte Kommas dienen auch hier nur der Leserlichkeit.

5. Worttrennung am Zeilenende

Trennung von st:

Entsprechend der allgemeinen Trennungsregel, wonach bei mehreren aufeinander folgenden Konsonanten der letzte auf die nächste Zeile gesetzt wird, darf st jetzt ebenso getrennt werden: meis-tens; Kis-ten; Fens-ter (wie Es-pe; Mas-ke; leug-nen; schimp-fen).

Trennung von ck:

Die Konsonantenfolge ck wird nicht mehr in k-k aufgelöst, sondern als Einheit behandelt (wie [s]ch): Zu-cker; tro-cken.

Verbindungen mit r und l sowie gn und kn in Fremdwörtern:

Die aus den romanischen Sprachen stammende Regel, daß Verbindungen mit r und l sowie die Kombinationen gn und kn in Fremdwörtern ungetrennt bleiben, ist nicht mehr obligatorisch: Quad-rat; möb-liert; filt-rieren; Mag-net; die alte Trennweise ist jedoch weiterhin richtig (Qua-drat; mö-bliert; fil-trieren; Ma-gnet).

Nicht mehr als solche empfundene Zusammensetzungen:

Zusammengesetzte Wörter werden wie bisher nach ihren Bestandteilen getrennt. Ursprünglich zusammengesetzte, aber nicht mehr als solche empfundene Wörter können jetzt auch nach den Regeln für einfache Wörter getrennt werden. Deutsche Wörter: wa-rum; hi-nauf; ei-nan-der; beo-bach-ten (auch möglich: war-um; hin-auf; ein-an-der; be-ob-ach-ten). Fremdwörter: Pä-da-go-gik; Chi-rurg; Phi-lip-pi-nen; Nos-tal-gie; par-al-lel (auch möglich: Päd-ago-gik; Chir-urg; Phil-ip-pi-nen; Nost-al-gie; par-al-lel).

Die Einführung neuer Rechtschreibregeln bedeutet nicht, dass die nach de n alten Regeln gestalteten Texte jetzt orthographisch falsch wären. Fü r eine gewisse Übergangszeit werden neue und alte Regeln nebeneinander best ehen bleiben. Ab 1.8.1998 gilt die derzeitige Rechtschreibung dann als über holt, jedoch noch nicht als falsch. Verbindlich wird die Neuregelung erst ab 1.8 .2005. Bis dahin: merken und üben!

Literatur:

 

[Rubrik: Diverses]


Automatisch konvertiert von troja2html © Wolfram Proske